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Kooperations-Impuls Tag

Belohnungen korrumpieren intrinsische Motivation und Ziele (#011)

Was Managerboni, Schulnoten, Mäuseschwänze und Covid-Zertifikate gemeinsam haben.

Belohnungen sind oft gut gemeint. Leider wird dabei die Schattenseite ausgeblendet, dass sie vom Ziel wegführen und eine Eigendynamik entwickeln. Dies kann man in unserer Welt überall beobachten. Schweizer Banken geraten regelmässig in die Schlagzeilen, weil Manager nicht den langfristigen Unternehmenserfolg im Auge haben. Diese schielen auf ihre Boni und setzen auf kurzfristige Gewinne. Ziel verfehlt?

Das kann man in unserem Schulsystem sehen, wenn Schülerinnen und Schüler nur ihre Noten im Blick haben. Es geht nicht um langfristiges Können. Die Lernenden füttern ihr Kurzzeitgedächtnis für die Prüfung, danach kann das ganze wieder vergessen werden. Sogar Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bezeichnen dies als Bulimielernen. Ziel verfehlt?

Das gleiche scheint im Moment mit den Covid-Zertifikaten zu passieren. Das Ziel, Sicherheit und Gesundheit wird korrumpiert, weil «die Belohnung» den falschen Fokus setzt. Das gilt für Geimpfte und Ungeimpfte gleichermassen. Man hat mit «den Regeln» kooperiert, holt sich sein Zertifikat und damit basta. Man wähnt sich in falscher Sicherheit und blendet aus, was weiterhin nötig wäre: Nämlich Distanz zu halten und die Kontakte einzuschränken. Ziel verfehlt?

Aus meiner systemischen Ausbildung ist mir der Satz, dass «alle aktuellen Probleme einmal (meist gutgemeinte) Lösungen waren» immer präsent. Er hilft mir, vom kausalen Denken wegzukommen und uns Menschen und die Welt anders zu lesen. Grundsätzlich lieben es Menschen zu kooperieren, weil es ein zentrales Grundbedürfnis ist. Belohnung in der Führung ist immer eine Form von Manipulation, welche die natürliche Autorität und das Ziel einer Sache untergraben kann.

Und die Mäuseschwänze? Als mein Vater jung war, herrschte in der Gegend eine Mäuseplage. Die Kinder und Jugendlichen bekamen für ihre Mithilfe eine Prämie. Pro Mäuseschwanz einen schönen Batzen. Die Geschäftsidee einer Mäusezucht war geboren.

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Sind Ihre Werte wasserdicht? (#010)

Eine Schulleiterin erzählt: «Ich ging auf Schulbesuch bei einer neuen Lehrerin. Die Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse wurden in Französisch unterrichtet. Ich beobachtete, wie die Lehrerin einem Schüler die Fehler mit rot korrigierte und ihm sagte: Ohne Fleiss keinen Preis! Hast du denn wirklich den Eindruck, du seist so gescheit, dass du dies alles ohne zu üben kannst?“ Der Schüler ging mit gesenktem Kopf zurück an seinen Platz.
Später ging die Lehrerin von Pult zu Pult. Ich spürte, dass sie nervös war, immer wieder fiel ihr Blick zu mir. Sie sprach leise mit einer Schülerin, während die Lautstärke in der Klasse zunahm. Sie reagierte zuerst immer wieder mit einem „Psst“. Dann plötzlich rief sie mit lauter Stimme: „Geht es eigentlich noch? Jetzt ist es hier sofort mucksmäuschenstill. Sonst gehen wir nicht in den Sport.“

Am Nachmittag hatten wir ein Gespräch als Abschluss meines Schulbesuches. Ich schilderte ihr, dass ich sie nervös wahrgenommen hatte und das Gefühl hatte, ihr sei nicht wohl gewesen. Sie zuckte mit den Schultern: „Du hast ja gesehen, es ist einfach eine schwierige Klasse.“
Da platzte es aus mir heraus: „Das muss ich dir jetzt einfach sagen: So wie du unterrichtest, würde ich mich als Schülerin oder Schüler auch schwierig verhalten. Ich habe dich sehr defizitorientiert erlebt. Und ich habe wenig nützliche Führung gesehen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass du in dieser Lektion mit den Schülerinnen und Schülern in einer Beziehung warst. Ich erwarte da deutlich mehr von dir…“ Das Gespräch ging noch etwas weiter. Die Lehrerin rechtfertigte sich mehrmals für ihr Handeln. Am Ende ging die Lehrerin mit gesenktem Kopf aus meinem Büro.

Erst beim Ablegen der Akten fiel mir auf, dass man mir bei diesem Gespräch genau das gleiche vorwerfen könnte, was ich bei ihr bemängelt hatte: Ich sprach sehr defizitorientiert und war weder in gutem Kontakt zu mir noch mit ihr wirklich in Beziehung. Weiter ist es mir ja auch wichtig, dem Gegenüber mit Respekt entgegenzutreten. Auch dies ist mir in diesem Gespräch nicht gelungen. Ich fühlte mich ertappt und verspürte Scham. Und fand an diesem Abend nicht leicht meine Ruhe.

Am nächsten Morgen ging ich vor dem Unterricht bei ihr vorbei und entschuldigte mich.»

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Autoritär oder Gleichwürdig? – Beobachtungen in der Pandemie (#009)

«Erwachsene sind lernfähig, aber nicht belehrbar»

Autoritäre oder im Gegensatz dazu gleichwürdige Führung kann man sehr gut am Modell der Ich-Zustände der Transaktionsanalyse beobachten und erklären. Dies ist zweierlei nützlich. Einerseits kann man seine Muster als Führungsperson erkennen. Andererseits kann man auch eigenes Verhalten als geführte Person benennen und nachvollziehen.

Aktuell kann man dies sehr gut am Thema «Impfen oder nicht» beobachten. Sie können sich dabei selber reflektieren in Aktion und Reaktion. Und mit Blick auf Freundeskreis, Arbeitswelt, Medien und Politik einen Blick auf die zwei unterschiedlichen Kommunikationsmuster werfen.

Autoritäre Kommunikation
Ein autoritäres oder «parentales» Gesprächsmuster entsteht dann, wenn Führungspersonen oder Mitmenschen sich ins Eltern-Ich begeben. Hier gibt es zwei Varianten: Argumente aus dem kritischen Eltern-ich tönen so, «Ihr solltet euch schämen, ihr gefährdet andere.» (Moralin-Finger), «Ich weiss, was richtig ist für dich, mach es endlich.» (Der weise Papa, der die Wahrheit für sich in Anspruch nimmt.). «Mach es endlich, sonst kommst du dran.» (Wenn du nicht gehorchst, dann (miss-)brauche ich meine Macht und zwinge dich dazu.) Das fürsorgliche Eltern-Ich kommt so rüber: «Ich will nur dein Bestes, darum …» «Ich weiss was für dich gut ist, deshalb …» Dies ist zwar gut gemeint, aber ebenfalls nicht auf Augenhöhe oder gleichwürdig.

Wenn Menschen aus dem Eltern-Ich sprechen, hat das üblicherweise zur Folge, dass das Gegenüber ins Kind-Ich fällt. Im angepassten Kind-Ich gehorcht man. Man macht, was Mama oder Papa sagen, ohne gross zu reflektieren. Man denkt nicht selber nach, sondern gibt die Eigenverantwortung ab. Andere gehen in die Verweigerung und fallen ins rebellische Kind-Ich. «Sicher nicht, du kannst mich mal, ich lasse mir nichts sagen.»

Eine dritte Variante ist das freie Kind-Ich. Hier würde ich einfach ohne Rücksicht auf andere Menschen oder die Rahmenbedingungen machen, was ich selber will. Ich verhalte mich egoistisch, ohne in Resonanz mit der Umgebung zu sein.

Im Kind-Ich passiert niemals echte Kooperation, sondern höchstens Schein-Kooperation. Die einen kooperieren aus Bequemlichkeit, weil sie die Eigenverantwortung abgeben. Dafür ist dann später Mama oder Papa Schuld. Die anderen kooperieren, weil sie Konsequenzen vermeiden wollen. Eine Einladung zum Schummeln, zum «So tun als ob», zum Rollen-Spiel. Führung aus dem Eltern-Ich hält Menschen in der Abhängigkeit und bringt sie niemals in die Eigenverantwortung.

Gleichwürdige Kommunikation
Erst wenn sich Menschen beim Führen und Erziehen im Erwachsenen-Ich verhalten, entsteht die Möglichkeit, dass echte Kooperation entsteht. Das bedingt, dass Botschaften mit echten und vorgelebten Werten übereinstimmen. Dass Transparenz da ist, Sachverhalte nicht verschleiert werden, wenn kein Sub-Text in den Botschaften enthalten ist. Wenn weder Moralin noch irgend sonst ein Manipulationsmittel (Angst machen, Belohnung oder Bestrafung, Beschuldigung oder Beschämung, Drohung von Ausschluss) im Spiel ist. Dann fangen Menschen an, sich zu einer Situation eigenverantwortlich zu verhalten. Erst dann würden sie echte Verantwortung übernehmen. Und so anstelle eine Fake-Selbstwertes durch Anpassung ihren echten Selbstwert stärken.

Wer die Macht hat, gestaltet die Führungskultur. Als Führungsperson erntet man immer die Verhaltensweisen, die man säht. Als Eltern, als Lehrerin oder Lehrer, als Führungsperson oder Bundesrat. Autoritäre Führungskulturen schaden dem Selbstwert und der Resilienz a l l e r Beteiligten.

(PS. Ein Kapitalfehler als Beobachterin oder Beobachter wäre es jetzt, irgendjemandem Schuld zuzuweisen. Das ist nicht die Idee hier. Wenn man von Schuld redet, fehlt aller meistens der eigene Anteil an (Mit-)Verantwortung. Weil unsere Gesellschaft noch tief im autoritären Sumpf steckt, braucht es die bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema «Vom Gehorsam zur Verantwortung». Denn vor allem unter Stress schaffen es noch die wenigsten, nicht in diese Kiste zu greifen. Was aber für echte Kooperation und Selbstwert aller Menschen zentral wäre. Jeder Mensch kann selber den ersten Schritt machen.

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Unerhört und respektlos (#008)

«Du dumme Sau!». Im Klassenzimmer herrscht Totenstille. Der 2. Klässler Andrin zittert. Die Lehrerin hält inne. Die Gefühle in ihrem Bauch sind grad sehr unangenehm. Die Zeit scheint stillzustehen. In früheren Tagen wäre klar gewesen, wie sie reagiert hätte. Ein lautes «So nicht. Raus! Wir gehen nachher zur Schulleiterin. Und deine Eltern sollen das auch wissen. So etwas geht gar nicht, das muss ich mir nicht bieten lassen.»

Mittlerweile gelingt es der Lehrerin, ihre alten Automatismen zu unterbrechen. Ganz bestimmt und ruhig sagt sie: «Das geht so nicht Andrin, das will ich nicht.» Sie gibt ihm die Möglichkeit, sich wieder zu beruhigen. Er verkriecht sich in der Leseecke. Sie verzichtet auf die Strafpredigt. Sie weiss, dass Andrin weiss, dass das nicht richtig war. Sie stellt ihn weder bloss noch droht sie ihm irgendwelche Strafen an. Sie wird später mit ihm sprechen und wendet sich wieder der Klasse zu.

Beziehungskompetenz bedeutet, nicht hauptsächlich auf der Verhaltensebene zu intervenieren. Vielmehr geht es darum, die Bedürfnisse und Motive dahinter zu erkennen. Wer unerhörtes Verhalten zeigt, muss sich irgendwie auch ungehört vorkommen. Was ist Andrin passiert, dass er eine solche Waffe ziehen musste?

Es scheint so, dass auch in der aktuellen Zeit verschiedene Gruppen mit ihren Argumenten nicht gehört wurden…

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Ich zolle Respekt (#007)

Ich bekam diesen Brief kurz nach (m)einem Kurs zum Thema Beziehungskompetenz. Wenn ich solche Rückmeldungen lese, bin ich jeweils tief berührt und fühle mich in meiner Arbeit bestätigt. Es ist manchmal so einfach, auf beziehungsförderliche Art die Führungsrolle zu etablieren. Ein geglückter Schulstart für eine Lehrerin und ein Kind. Ich zolle allen Fachpersonen Respekt, die sich auf den Weg «Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung» machen.



Lieber Urs

Ich danke dir herzlich für die beiden Kurstage! 

Es war gestern ein höchst intensiver Morgen im Kindergarten mit den neuen Kindern, Eltern und einem Jungen, der meine Grenzen austesten musste. Am Nachmittag liess er sich schon besser führen und heute wäre er niemandem mehr aufgefallen! Auf Machtkämpfe verzichte ich nun ganz. Ein Beispiel: Er wollte nicht in seiner Göttigruppe spielen. Ich beliess es dabei und heute klappte es problemlos! Noch vor den Ferien hätte ich sofort darauf beharrt. Oder: Auf dem Spielplatz überschritt er bewusst die Spielplatzgrenzen und beobachtete, wie ich reagiere. Ich rannte ihm nicht nach und sagte nur, er wisse, wo unsere Grenze ist. Am Nachmittag und heute war auch das kein Thema mehr! 

Ich hatte nach deinem Kurs noch einige Bücher bestellt, weil ich in diese Haltung so richtig eintauchen will. Der Kurs und die Bücher haben mich ein grosses Stück weitergebracht auf dem Weg, den ich seit etwa 2 Jahren gesucht und eingeschlagen habe. Ich merke auch, dass es tatsächlich um die Haltung und Einstellung geht und nicht um Strategien! Es ist wie ein Stück neue Freiheit, in dieser „kampflosen“ Beziehung auch zu schwieriger zu führenden Kindern zu stehen! Ich bin realistisch genug zu wissen, dass der Kindergartenalltag auch jetzt nicht nur harmonisch verlaufen wird, aber ich fühle mich sicherer und auf einem guten Weg! 

Herzlichen Dank und alles Gute!

O.


Der Brief ist ein gutes Beispiel zum nützlichen Umgang mit dem Kooperations-Impuls, der in Blogbeitrag #006 beschrieben ist.

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Den Kooperations-Impuls respektieren (#006)

» Dieses Thema ist hier auch als Video aufbereitet. Viel Spass!

Menschen lieben es grundsätzlich, mit anderen Menschen, Regeln und Systemen zu kooperieren. Sowie das eine Hauptbedürfnis nach Autonomie und Integrität respektiert werden will, möchten wir auch gerne mit anderen in Bindung und Kooperation gehen.

Wenn wir Führen und Erziehen müssen wir damit leben, dass das Gegenüber nicht gleich auch will, wenn wir etwas möchten. Ein Veto oder ein Nein ist also nicht 1:1 als Widerstand zu verstehen, sondern bedeutet lediglich, dass Kinder, Mitarbeitende oder auch Bevölkerungen manchmal Zeit benötigen, bis sie kooperieren können.

Manchmal ist man bei sich und nicht offen, manchmal fehlen Informationen oder man hat den Sinn noch nicht verstanden.
Für uns Führungspersonen ist ein solches Nein oder Veto ganz schwierig auszuhalten. Ich behaupte, Sie spüren dies sofort körperlich und finden das sehr unangenehm.

Und um sich dann selber von diesem Gefühl zu befreien, greift man vorschnell in den altbekannten autoritären Werkzeugkasten: Belohnen, Bestrafen, Beschuldigen, Beschämen, Angst machen. Man fängt an zu manipulieren. Und korrumpiert so selfmade die eigene natürliche Autorität (sofern man diese denn hat).

Auch eine lange Diskussion mit Blick auf das letzte Wort ist nicht nötig. Denn sagt das Gegenüber Nein, ist die Idee ja schon mal angekommen. Also ruhig bleiben … und vertrauen.

Denn Hand aufs Herz: Gleichwürdige Führung will keine dressierten Hampelkinder, -männer und -frauen. Dressur ist des Menschen unwürdig und kommt aus dem «objektorientierten» Gehorsam-Paradigma. Halten wir Veto als Führungspersonen aus und lernen wir, damit umzugehen. Das stärkt unsere persönliche Autorität. Und wir ernten längerfristig echte Kooperation. Und drängen so weder Kinder, Lernende noch Mitarbeitende in den «So tun als ob»- oder Schein-Kooperations-Modus.

Gerne können Sie einmal überlegen, wo in aktuellen Situationen dieses Thema bei Ihnen selber auftaucht?

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