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Beziehungskompetenz Tag

Unerhört und respektlos (#008)

«Du dumme Sau!». Im Klassenzimmer herrscht Totenstille. Der 2. Klässler Andrin zittert. Die Lehrerin hält inne. Die Gefühle in ihrem Bauch sind grad sehr unangenehm. Die Zeit scheint stillzustehen. In früheren Tagen wäre klar gewesen, wie sie reagiert hätte. Ein lautes «So nicht. Raus! Wir gehen nachher zur Schulleiterin. Und deine Eltern sollen das auch wissen. So etwas geht gar nicht, das muss ich mir nicht bieten lassen.»

Mittlerweile gelingt es der Lehrerin, ihre alten Automatismen zu unterbrechen. Ganz bestimmt und ruhig sagt sie: «Das geht so nicht Andrin, das will ich nicht.» Sie gibt ihm die Möglichkeit, sich wieder zu beruhigen. Er verkriecht sich in der Leseecke. Sie verzichtet auf die Strafpredigt. Sie weiss, dass Andrin weiss, dass das nicht richtig war. Sie stellt ihn weder bloss noch droht sie ihm irgendwelche Strafen an. Sie wird später mit ihm sprechen und wendet sich wieder der Klasse zu.

Beziehungskompetenz bedeutet, nicht hauptsächlich auf der Verhaltensebene zu intervenieren. Vielmehr geht es darum, die Bedürfnisse und Motive dahinter zu erkennen. Wer unerhörtes Verhalten zeigt, muss sich irgendwie auch ungehört vorkommen. Was ist Andrin passiert, dass er eine solche Waffe ziehen musste?

Es scheint so, dass auch in der aktuellen Zeit verschiedene Gruppen mit ihren Argumenten nicht gehört wurden…

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Ich zolle Respekt (#007)

Ich bekam diesen Brief kurz nach (m)einem Kurs zum Thema Beziehungskompetenz. Wenn ich solche Rückmeldungen lese, bin ich jeweils tief berührt und fühle mich in meiner Arbeit bestätigt. Es ist manchmal so einfach, auf beziehungsförderliche Art die Führungsrolle zu etablieren. Ein geglückter Schulstart für eine Lehrerin und ein Kind. Ich zolle allen Fachpersonen Respekt, die sich auf den Weg «Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung» machen.



Lieber Urs

Ich danke dir herzlich für die beiden Kurstage! 

Es war gestern ein höchst intensiver Morgen im Kindergarten mit den neuen Kindern, Eltern und einem Jungen, der meine Grenzen austesten musste. Am Nachmittag liess er sich schon besser führen und heute wäre er niemandem mehr aufgefallen! Auf Machtkämpfe verzichte ich nun ganz. Ein Beispiel: Er wollte nicht in seiner Göttigruppe spielen. Ich beliess es dabei und heute klappte es problemlos! Noch vor den Ferien hätte ich sofort darauf beharrt. Oder: Auf dem Spielplatz überschritt er bewusst die Spielplatzgrenzen und beobachtete, wie ich reagiere. Ich rannte ihm nicht nach und sagte nur, er wisse, wo unsere Grenze ist. Am Nachmittag und heute war auch das kein Thema mehr! 

Ich hatte nach deinem Kurs noch einige Bücher bestellt, weil ich in diese Haltung so richtig eintauchen will. Der Kurs und die Bücher haben mich ein grosses Stück weitergebracht auf dem Weg, den ich seit etwa 2 Jahren gesucht und eingeschlagen habe. Ich merke auch, dass es tatsächlich um die Haltung und Einstellung geht und nicht um Strategien! Es ist wie ein Stück neue Freiheit, in dieser “kampflosen” Beziehung auch zu schwieriger zu führenden Kindern zu stehen! Ich bin realistisch genug zu wissen, dass der Kindergartenalltag auch jetzt nicht nur harmonisch verlaufen wird, aber ich fühle mich sicherer und auf einem guten Weg! 

Herzlichen Dank und alles Gute!

O.


Der Brief ist ein gutes Beispiel zum nützlichen Umgang mit dem Kooperations-Impuls, der in Blogbeitrag #006 beschrieben ist.

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Den Kooperations-Impuls respektieren (#006)

» Dieses Thema ist hier auch als Video aufbereitet. Viel Spass!

Menschen lieben es grundsätzlich, mit anderen Menschen, Regeln und Systemen zu kooperieren. Sowie das eine Hauptbedürfnis nach Autonomie und Integrität respektiert werden will, möchten wir auch gerne mit anderen in Bindung und Kooperation gehen.

Wenn wir Führen und Erziehen müssen wir damit leben, dass das Gegenüber nicht gleich auch will, wenn wir etwas möchten. Ein Veto oder ein Nein ist also nicht 1:1 als Widerstand zu verstehen, sondern bedeutet lediglich, dass Kinder, Mitarbeitende oder auch Bevölkerungen manchmal Zeit benötigen, bis sie kooperieren können.

Manchmal ist man bei sich und nicht offen, manchmal fehlen Informationen oder man hat den Sinn noch nicht verstanden.
Für uns Führungspersonen ist ein solches Nein oder Veto ganz schwierig auszuhalten. Ich behaupte, Sie spüren dies sofort körperlich und finden das sehr unangenehm.

Und um sich dann selber von diesem Gefühl zu befreien, greift man vorschnell in den altbekannten autoritären Werkzeugkasten: Belohnen, Bestrafen, Beschuldigen, Beschämen, Angst machen. Man fängt an zu manipulieren. Und korrumpiert so selfmade die eigene natürliche Autorität (sofern man diese denn hat).

Auch eine lange Diskussion mit Blick auf das letzte Wort ist nicht nötig. Denn sagt das Gegenüber Nein, ist die Idee ja schon mal angekommen. Also ruhig bleiben … und vertrauen.

Denn Hand aufs Herz: Gleichwürdige Führung will keine dressierten Hampelkinder, -männer und -frauen. Dressur ist des Menschen unwürdig und kommt aus dem «objektorientierten» Gehorsam-Paradigma. Halten wir Veto als Führungspersonen aus und lernen wir, damit umzugehen. Das stärkt unsere persönliche Autorität. Und wir ernten längerfristig echte Kooperation. Und drängen so weder Kinder, Lernende noch Mitarbeitende in den «So tun als ob»- oder Schein-Kooperations-Modus.

Gerne können Sie einmal überlegen, wo in aktuellen Situationen dieses Thema bei Ihnen selber auftaucht?

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Wünsche respektvoll abschlagen (#005)

Letzte Woche habe ich im Supermarkt wieder einmal den Klassiker erlebt. Der etwa 2-jährige Junge kriegt an der Kasse den leckeren Schoko-Stängel nicht. Jetzt tobt er und schreit laut herum. Was passiert genau, wenn Mensch nicht kriegt was er will? Die Mitarbeitende den gewünschten Urlaub, der Manager die Lohnerhöhung, die Tochter das brandneue Mobiltelefon, der Schüler das Spiel in der Turnhalle oder der Ehemann die Zärtlichkeiten seiner Frau?

Der beziehungsförderliche Umgang mit abgelehnten Wünschen hat drei Komponenten:

  1. Wünsche sind ok. Jeder Mensch darf wünschen was er will. Es gibt keine richtigen oder falschen Wünsche und es ist übergriffig, Wünsche von anderen zu bewerten oder sogar abzuwerten.
  2. Wünsche müssen nicht erfüllt werden. Auch ein NEIN ist ok. Hilfreich dabei ist es, wenn das Nein nicht willkürlich ist, sondern den Werten der jeweiligen Person entspricht oder aufgrund von transparenten Kriterien zustande kommt.
  3. Die Reaktion gehört dazu und ist ok. Führungspersonen und Eltern können lernen, entsprechende Reaktionen umzudeuten und nicht persönlich zu nehmen. Wenn die Tochter «Ich hasse dich» sagt, ist das ihre Reaktion mit dem abgelehnten Wunsch und ihrer Wut umzugehen. Das schadet der Mutter-Tochter-Beziehung nicht. Kann man dem Gegenüber sogar Verständnis im Sinne von «Gefühle sind ok» entgegenbringen, wird schneller wieder Ruhe einkehren.

Dem Vater an der Supermarktkasse musste ich innerlich ein Kränzchen winden. Er blieb bei seinem Nein trotz des Wutausbruches. Seelenruhig hat er seinem Sohn das Erleben dieser nicht einfachen Gefühle ermöglicht. Auch von den unverständlichen Blicken gewisser Kundinnen und Kunden hat er sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.

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