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Sind Ihre Werte wasserdicht? (#010)

Sind Ihre Werte wasserdicht? (#010)

Eine Schulleiterin erzählt: «Ich ging auf Schulbesuch bei einer neuen Lehrerin. Die Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse wurden in Französisch unterrichtet. Ich beobachtete, wie die Lehrerin einem Schüler die Fehler mit rot korrigierte und ihm sagte: Ohne Fleiss keinen Preis! Hast du denn wirklich den Eindruck, du seist so gescheit, dass du dies alles ohne zu üben kannst?“ Der Schüler ging mit gesenktem Kopf zurück an seinen Platz.
Später ging die Lehrerin von Pult zu Pult. Ich spürte, dass sie nervös war, immer wieder fiel ihr Blick zu mir. Sie sprach leise mit einer Schülerin, während die Lautstärke in der Klasse zunahm. Sie reagierte zuerst immer wieder mit einem „Psst“. Dann plötzlich rief sie mit lauter Stimme: „Geht es eigentlich noch? Jetzt ist es hier sofort mucksmäuschenstill. Sonst gehen wir nicht in den Sport.“

Am Nachmittag hatten wir ein Gespräch als Abschluss meines Schulbesuches. Ich schilderte ihr, dass ich sie nervös wahrgenommen hatte und das Gefühl hatte, ihr sei nicht wohl gewesen. Sie zuckte mit den Schultern: „Du hast ja gesehen, es ist einfach eine schwierige Klasse.“
Da platzte es aus mir heraus: „Das muss ich dir jetzt einfach sagen: So wie du unterrichtest, würde ich mich als Schülerin oder Schüler auch schwierig verhalten. Ich habe dich sehr defizitorientiert erlebt. Und ich habe wenig nützliche Führung gesehen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass du in dieser Lektion mit den Schülerinnen und Schülern in einer Beziehung warst. Ich erwarte da deutlich mehr von dir…“ Das Gespräch ging noch etwas weiter. Die Lehrerin rechtfertigte sich mehrmals für ihr Handeln. Am Ende ging die Lehrerin mit gesenktem Kopf aus meinem Büro.

Erst beim Ablegen der Akten fiel mir auf, dass man mir bei diesem Gespräch genau das gleiche vorwerfen könnte, was ich bei ihr bemängelt hatte: Ich sprach sehr defizitorientiert und war weder in gutem Kontakt zu mir noch mit ihr wirklich in Beziehung. Weiter ist es mir ja auch wichtig, dem Gegenüber mit Respekt entgegenzutreten. Auch dies ist mir in diesem Gespräch nicht gelungen. Ich fühlte mich ertappt und verspürte Scham. Und fand an diesem Abend nicht leicht meine Ruhe.

Am nächsten Morgen ging ich vor dem Unterricht bei ihr vorbei und entschuldigte mich.»

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